Den Zauber bewahren - Eloisa - ein Mühlenmärchen

"Den Zauber der Schönheit bewahren. Mit Liebe erschaffen." Das nährt mich in allen Zeiten meines Lebens. Gemeinsam mit Tochter und Enkeltochter habe ich gestern ein entzückendes Kräuterorakel gezaubert und vor einigen Tagen ist dazu ein Märchen entstanden.

Eloisa - Ein Mühlenmärchen

Es war einmal vor langer, langer Zeit. Da lebte in einer alten Mühle eine wunderschöne Frau. Sie hieß Eloisa. Eloisa war sicherlich schon 300 Jahre alt. Und würde es auch immer bleiben. Das merkte aber kein Mensch. Kein Mensch konnte ihr Alter erraten. Sie hatte langes wallendes Haar. Man wusste nicht so recht ob es goldblond oder silbergrau war. Wenn die Wolken am Himmel hingen, dann war es, als ob es silbergrau wäre, wenn die Sonne schien, das war es wie ein Meer aus Gold. Während der harten Arbeit in der Mühle trug sie meist ein Tuch auf ihrem Kopf, nur wenn Besuch kam, nahm sie schnell das alte ausgefranste Tuch von ihrem Kopf und schüttelte ihr Haupt. Dann fiel ihr Zauberhaar über die Schultern und wenn der frische Frühlingswind durchs Haar strich, konnte man im ganzen Land den Frühling riechen. Es war als wäre ihr Haar durchtränkt von Schlüsselblumenduft, von einem Hauch von Gänseblümchenstaub und Löwenzahnsüße. Wenn es regnete, und Eloisa hatte ihr Haar offen und ließ es von den unzähligen Regentropfen waschen, dann färbten sich die kleinsten Bächlein im Land so blau wie der weite Ozean, und die Tümpel schimmerten in funkelndem Smaragdgrün.


Manchmal, ja manchmal zog sie ihre Schuhe aus und vor lauter Freude über all die Frühlingsblumen, tanzte sie durchs Land, und überall wo sie mit ihren zarten Füßchen das Land berührte, wuchs ein Regenbogen aus der Erde. Ihr Herz war so federleicht und ihr Gang so luftig, dass sie so große Schritte machen konnte, dass sie die Regenbögen von einem Dorf zum andern spannte. Und so liefen alle Bewohner aus den Dörfern aus ihren Häusern und standen da und staunten. Und wie es der Brauch so war, schickten sie über die Regenbögen Grüße zu ihren Liebsten in den anderen, oft so weit entfernten Dörfern. Eloisa liebte die Kinder. An manchen Tagen kamen die Kinder zu ihr, denn nur die feinen zarten Kinderseelen konnten Eloisa sehen. Große Kinder, kleine Kinder, Jungen und Mädchen – sie alle tanzten herbei mit ihren Körbchen und lernten von Eloisa, wie man sich gesund ernährte und im Einklang mit Mutter Erde groß werden konnte. Sie naschten mit Eloisa vom Löwenzahn, und legten Gänseblümchen auf ihre oft zerschundenen Knie auf, sie purzelten über die Wiesenhänge in der alten Mühle hinunter. Eloisa war schön, aber auch sehr, sehr lustig. Sie war selbst noch ein Kind, trotz ihres hohen Alters. Sie liebte es Purzelbäume zu schlagen, über die Bächlein zu springen und Musik auf Löwenzahnflöten zu pfeifen. Sie schlief in Teppichen von Vogelmiere mit den Kindern und am nächsten Morgen hatten alle eine Haut, als wäre sie frisch vom silbernen Mond gewaschen worden.


Wenn sie ganz viel Hunger hatten die Kinder, weil sie so schnell zu wachsen begannen im Maienregen, dann führte Eloisa die Kinder in die großen Gierschfelder und es wurde königlich gespeist und für die ganz besonders mutigen und die großen Burschen trug sie Körbe von scharfem Schaumkraut und stechenden Brennnesseln herbei. Welch ein Schmatzen und Gurren und Wachsen und Jauchzen ging durchs ganze Mühlental, wenn Eloisa den Tisch mit all dem Grün und Bunt an Speisen deckte. Wenn es dämmerte, zogen die Kinder wieder nach Hause. Manchmal erkannten die Eltern ihre Kinder nicht mehr, weil sie mit prallroten Bäckchen, gefüllten Bäuchen und lachenden Gesichtern und fast doppelt so groß zu Hause ankamen. Sie hatten gelernt wie man Feuer macht, die größeren Mädchen kneteten eifrig Brotteig und die Burschen spitzten Haselstecken fürs Feuerbrot an – ganz so wie sie es bei Eloisa gelernt hatten.


Die kleineren Geschwisterchen beobachteten eifrig und freuten sich schon, wenn sie groß genug sein würden um auch zu Eloisa ins Mühlental wandern zu dürfen. Ja, die alte Eloisa hatte ein Herz für Kinder, ein Herz für die Einfachheit der Natur und sie war eine Zauberin.

Und manchmal, ja manchmal, wenn die Sonne ihren besten Tag hatte, der Mond rund war und die Milchstraße überlief vor Fülle, dann rührte sie Zaubertränke mit den Kindern. Und diese Zaubertränke waren Medizin für die ganze Familie. Es wurde gesungen und getanzt um den großen alten Kupferkessel, der schon ziemlich verbeult war. Man erzählte sich, dass der Kessel von Eloisas Ururgroßmutter aus dem Land Makini war und wenn sie rührten und brauten, dann sang sie mit den Kindern die alten Lieder der Makini. Sie erinnerte mit dem Lied die Seele der Kinder und jedes Kind hatte Freude hier daran, auf dieser schönen Erde sein zu dürfen.

Und da Eloisa für immer 300 Jahre alt sein würde, rührt sie noch heute in ihrem Topf, lässt im Frühlingswind ihr Haar flattern wie gestern und morgen schon würde man den Duft von Löwenzahn und Gänseblümchen im ganzen Land vernehmen, das Lied der