Geh‘ über die Felder …

Ein Märchen  von Monika Rosenstatter


Es war einmal vor vielen Zeiten eine kleine einfache Familie. Sie war eine urtypische Familie. Vater, Mutter und Kind. Die urtypische Familie wohnte in einem kleinen Häuschen aus Stein und Holz und Schilf an einem sonnigen Waldesrand im Osten. Nur die Rückseite des Hauses was im Westen. Viele Tagesmärsche entfernt vom Dorf war der Waldesrand, an dem das Häuschen stand. Die Dorfbewohner und die Familie kannten sich, aber die ewig weite Entfernung ließ immer wieder alle sich gegenseitig vergessen. Nur manchmal erinnerte man sich aneinander. Und so trug es sich damals zu. Alles begann in einem langen, viel zu kalten Winter.

Das Häuschen am Waldesrand lag tief verschneit, ganz friedlich in der Landschaft. Der Vater, ein milder Holzknecht machte Feuerholz, und die Mutter, eine zarte Näherin, wirkte gerade an einem mondenweißen seidenen Kleidchen. Sie nähte gerade Rosen und Seidenbänder auf. Wünschte sich der kleine Junge, er hatte krauses blondes Haar, so sehr ein kleines Schwesterlein. Ein Schwesterlein mit dem er über die weiten Felder tanzen, sich von Baum zu Baum schwingen, und mit dem er singen konnte. Wenn Mutter nähte, dann sang sie immer ein kleines feines Liedchen: „Buntes Fädchen – näh ein Kleidchen – für das Mädchen, …“ Der Junge liebte dieses Lied, diese Melodie, die durch die Lüfte tanzte, wenn Mutter nähte.


Wenn der Vater Feuerholz hackte und Bretter sägte, dann kam auch aus ihm eine Melodie. Er sang aber nicht, er pfiff sein Lied: „Tüh, Tüh, tü, tüt tüüüüü!“ Immer im Takt der Hacke oder im Schwung der Säge.

Der Winterwind blies in den Jännernächten so kalt ums Haus und so wurden Mutter und Vater schwer krank. Der Winterwind nahm ihre Seelen mit. Es war Lichtmess, die Eisblumen erblühten am Fenster. Der kleine Junge saß mutter- und vatereseelenallein in dem kleinen Häuschen. Er saß am Bett seiner Eltern, sang abwechselnd das Liedchen der Mutter und pfiff das Lied des Vaters. Er war ganz ruhig, als es an der Tür klopfte. Wer getraute sich in dieser Eiseskälte wohl durch das Land zu ziehen? Es war die alte „Winna“. Sie besuchte immer um diese Zeit die kleine urtypische Familie um die Neujahrsbotschaften aus dem Dorf zu überbringen. Die alte Winna redete nicht viel, war gehüllt in viele Kleider und drüber war ein grüner Mantel geschlagen, ein Kopftuch mit schönen Webmustern trug sie und darunter lugte das lohgraue Haar hervor. Sie erkannte wohl sogleich was in dem kleinen Haus geschehen war, legte die Hand um den Jungen und sang mit ihm die Lieder der Familie. Dann packte sie den Jungen in dicke Wollkleider und ging mit ihm fort. Sie ging mit ihm über die Felder und erreichte nach Tagen das Dorf. Der Junge wurde von der Krämerin gut aufgenommen und die Dorfbewohner richteten ein ehrwürdiges Fest für das viel zu früh von der Erde gegangene Elternpaar aus. Das waren die Momente an denen sich die Dorfbewohner und die kleine Familie begegneten. Ja, mancher sagte: „Viel zu selten haben wir uns getroffen und gefeiert und getanzt. Jetzt stehen wir am Grabe und erinnern uns kaum mehr an die schönen gemeinsamen Tage!“

Der Junge war in diesen Tagen, und auch beim Abschiedsfest seiner Eltern immer an der Hand der alten Winna zu sehen. Da war er gut behütet. Sein Nachtlager bekam er bei der Krämerin. Nun, wie es so ist, auch diese Feste gehen vorbei und der Alltag zog wieder ein in das Dorf. Der Junge war knapp drei Ellen hoch gewachsen und man entschied sich dazu, dass er zurück in sein Waldhäuschen gebracht werden sollte. Man wollte wöchentlich nach ihm sehen, ihm Essen und Gutes und Schönes vorbeibringen und nach dem Rechten schauen. So packte ihm die Krämerin einen Rucksack voller Köstlichkeiten, so schwer, dass ihn der kleine Junge kaum zu tragen vermochte, und er machte sich an der Hand der alten Winna auf den Weg. Es war noch Februar, doch auf dem Weg über die Felder, zurück zu seinem Elternhaus, blühten schon Schneeglöckchen und schon bald auch Schlüsselblumen und die Haseln streuten goldenen Staub über die letzten Schneefelder.

Vor dem kleinen Häuschen wartete schon die alte Birke auf ihn. Er erinnerte sich. Sein Vater zapfte immer Birkensaft im frühen Jahr. So wollte er es auch machen. Und während er sich ans Werk machte, merkte er gar nicht, wie die alte Winna ganz heimlich im Wald verschwand und wieder ihrer Wege zog. Welch eine Kraft hatte dieser reine Saft, den er nun auf der Gartenbank genoss. Er füllte den Saft in den alten irdenen Krug des Vaters. Der war sehr schwer für ihn zu tragen, war er doch noch keine drei Ellen groß und sehr schlank und fein. Jeden Tag wurde die Sonne stärker und er sang mit den Vögeln in den frühen Morgenstunden seine Lieder. Am Abend machte er immer Feuer. Es war noch genug Vorrat da. Sein Vater war ein fleißiger Holzknecht und man glaubte fast, er hätte vorgesorgt, so hoch war der Holzstapel hinterm Haus. Wenn er Feuer machte, dann pfiff er das Lied des Vaters. Dann wurde ihm wohlig warm ums Herz. Und dann, ja dann setzte er sich hin und begann zu nähen an dem Kleidchen, das seine Mutter begonnen hatte. Er wollte es fertigbringen. Er hatte noch so kleine feine Fingerchen, dass die Nadel sich wie von selbst durch den Stoff bohrte und die Seidenbänder annähte und die kleinen roten Rosen auf dem Kleid erblühen ließ. Er hatte seiner Mutter so viele Zeiten beim Nähen zugesehen, da war es nur ein leichtes, dies ihr nachzutun. Er sang dabei mit seiner hellen Stimme: „Buntes Fädchen – näh ein Kleidchen  - für das Mädchen!“  Im Mai war es, da war das Kleidchen fertig. Fast pünktlich zum Maienfest, das in dem Dorfe gefeiert wurde. Heiter und fröhlich feierten die Dorfbewohner. Sie hatten den Jungen schon lange vergessen. Aus den Augen aus dem Sinn – wie man so schön sagt. Die Leute tanzten im Dorfe um den Maienbaum und der Junge, der freute sich über den nun blühenden Wald, die warme Sonne, und das fertige Kleidchen. Es ging ihm gut. Er hatte noch immer genug Vorräte. Mehl war in der alten Truhe, daraus machte er sein täglich‘ Brot, und aus dem Rucksack der Krämerin quoll das gute Essen wie aus einer sprudelnden Quelle. Es fehlte ihn am nichts. Mit den Tieren des Waldes hatte er Freundschaft geschlossen und der plätschernde Bach erzählte ihm lustige Geschichten.

Der Sommer kam, das Getreide auf den fernen Feldern wurde reif und die ersten Blätter an der Birke färbten sich gelb. Das Feuerholz wurde nun rasch weniger und auch das Mehl schwand wie durch ein Loch und der Rucksack, der Rucksack wurde leerer und leerer. Da fiel ihm wieder das Kleidchen in die Hände. Er betrachtete es und begann zu singen: „Buntes Fädchen - näh ein Kleidchen für das Mädchen!“ Er sang und sang und sang sich in den Herbst hinein. Es fiel im gar nicht mehr auf, dass er nur mehr halb so viel an Brot brauchte, nur mehr ab und zu was aus dem Rucksack nahm, um sich daran zu laben. Er sang. Und wenn er nicht sang, dann pfiff er das Lied des Vaters, des Holzknechts. Das alte Feuerlied. Wenn er das Lied pfiff, dann brannte das Feuer nur mit einem Holzscheit und es war warm und die Stube hell. Und so pfiff er sich in den Winter hinein. Manchmal war es ihm, es war so um Allerseelen, ich kann mich noch gut erinnern, da war es ihm sogar, als wäre Mutter durch das Haus gezogen und es war ihm, als hörte er den Vater draußen Holz hacken. Ob nicht sogar die alte Winna auch mal an die Tür klopfte. Aber da war er schon in den tiefen Schlaf gesunken. Er träumte sich in die Weihenächte hinein. Ganz ruhig. Er träumte von den Festen auf dem Dorfe, viele hatte er noch nicht erlebt in seinen jungen Jahren. Er träumte sich über die Felder ins Dorf hinein. Das Feuer im Herd war erloschen, die Nadel stand still und doch regte sich etwas in ihm. In seinen Träumen. Manchmal, es war schon nahe an Lichtmess, dann wenn die Eisblumen an den Fenstern wuchsen, da war es ihm, als würde er durch die Eisblumen ein reines Gesicht sehen. Ein Gesicht so zart und fein, mit goldenem Haar. Ein Mädchen, ein Schwesterlein? Und doch war es nur die immer stärker werdende Sonne, die seine Nase kitzelte. So träumte er sich durch den Winter. Und dann tropfte es vom Dach. Der Schnee schmolz, die Birke begann sich zu regen und das Tropfen: „Tropf, Tropf, Tropf!“, weckte den Jüngling. Er schlug die Augen auf, nahm den irdenen Krug des Vaters und ging zur Birke. Die Birke schenkte ihm guten Saft. Von Tag zu Tag wurde er kräftiger und sein Haar wuchs, und wenn man so gegen die Sonne schaute, ja dann konnte man schon an seinem Kinn den ersten Bartwuchs erahnen. Er kam ganz nach seinem Vater. Welch schönen Bart hatte doch sein Vater, der Holzknecht. Der Frühling kam und er spürte seine Füße. Sie waren unruhig, sie wollten sich auf die Wanderschaft machen. Also schnürte er sein Bündel. Viel hatte er nicht. Das Kleidchen mit Seidenbändern und Rosen schlug er in das goldene Wolltuch seiner Mutter ein. Er schnürte es zusammen mit dem letzten Stückchen Zwirnfaden, der ihm noch geblieben war. Den irdenen Krug des Vaters band er sich um den ledernen Gürtelriemen und so machte er sich auf den Weg. Er wusste gar nicht so genau wohin er wollte. Er erinnerte sich, aber er hatte es irgendwie vergessen. Doch dann dachte er an das Dorf, die vielen Menschen und die Krämerin und an ihren Dorfladen. Ah ja, denn Rucksack der Krämerin wollte er zurückbringen. Er hatte nun seine Dienste getan. Er durchquerte den großen Tannenwald, das weite Hochmoor, kam vorbei an Seen und trank an fröhlich sprudelnden Quellen. Er kannte den Weg zum Dorf nicht mehr, zu lange war es her, da er mit der alten Winna ins Dorf ging und seine Eltern zu Grabe trug. Also ging er weiter. Immer weiter. Da begegnete ihm ein altes runzeliges Weiblein. Es kam ihm das Gesicht bekannt vor, aber zuordnen konnte er es nicht mehr. „Gute alte Frau, wo geht’s hier zum kleinen Dorf mit dem großen Lindenbaum und dem alten Krämerladen?“ Sie streckte die Hand aus und sagte nur: „Junge, mein Junge, geh über die Felder. Geh über die acht Felder!“

Es dauerte nicht lange, und er stand vor einem goldenen Kornfeld. Es war Anfang August und soweit sein Blick reichte, sah er Getreidefelder. Eines lag neben dem andern. Und hie und da begann ein Bauer schon mit der Ernte. Hie und da sah er eine Kornmutter stehen und als er so ging, zählte er die Felder. Es waren wirklich acht große Felder. Die Felder waren so groß, dass er lange Tage auf der Wanderschaft war. Doch als der Abend dämmerte, sah er in der Ferne einen Lindenbaum. Und er hörte Musik. Laute Musik und ein Lachen und Tanzen und es roch nach frischem Brot. War der Sommer so schnell vergangen? Er setzte sich unter die Linde. Und als er so dasaß mit seinem Bündel und mit seinem Krug fiel das erste Blatt von der Linde vom Baume. Es war Herbst geworden. Und die Blätter hatten sich bereits verfärbt. Und neben das Lindenblatt fiel eine Träne in den staubigen Lehmboden. Die Erde wurde feucht. Er weinte zum ersten Mal. Als Junge war er so nah bei seinen Eltern, er sang sich hin zu ihnen. Da war er selig. Aber jetzt, fühlte er zum ersten Mal diesen Schmerz, wenn man etwas liebgewonnenes verliert. Er fühlte sich einsam und er erkannte sich selbst kaum wieder. Das Singen fiel ihm schwer. Er erinnerte sich kaum mehr an die alten Lieder seiner Eltern. Und als er so vor sich hin sinnierte, da kam die Krämerin am Lindenbaum vorbei. Sie war auf dem Weg zu ihrem Laden, wollte sie doch noch einen vollen Korb voller Früchte, Brot und Speck holen. Das ganze Dorf feierte Erntedank oben am Marktplatz. Wie angewurzelt blieb die Krämerin stehen, als sie den Jüngling unterm Lindenbaum so traurig und in sich gekehrt dasitzen saß. Er erinnerte sie an jemanden. Dieser Bart. Er war dem Holzknecht vom ostseitigen Tannenwald wie aus dem Gesicht geschnitten. War er etwa der Junge des Holzknechts und der Näherin? „Meine Güte, Junge! Dich hatte ich ganz vergessen!“ stöhnte sie aus tiefster Seele. Der Junge hob den Kopf und sagte: „Ja, ich erinnere mich!“ Du bist die Krämerin und er reichte ihr den leeren Rucksack. Die Krämerin nahm ihn an der Hand und führte ihn rauf zum Erntedankfest. Jeder einzelne von den Dorfbewohnern erinnerte sich an ihn. Und so mancher schämte sich dafür, dass er nie nach dem Jungen schaute. Der Junge,  der mutter- und vaterseelenallein in dem kleinen Holzhäuschen am Waldrand vor sich hinträumte und heranwuchs. Der Jüngling aber sagte nur: „Ich hatte Euch fast vergessen, aber jetzt erinnere ich mich wieder!“ Und alle waren froh, dass sie sich wieder erinnerten und feierten bis zum Morgengrauen. Der irdene Krug seines Vaters wurde nun mit frischem Brennnesselbier gefüllt. Das Nachtlager schlug er, so wie damals als kleiner Junge, bei der Krämerin auf. Wohlan, die Nacht war nicht mehr lange, der erste Hahnenschrei nahte. Er schlug die Augen auf und griff nach seinem Bündel. Doch wo war das Bündel? Das Herz pochte bis zum Hals und er versuchte sich zu erinnern. Immer war da dieses Erinnern und dieses Vergessen. Er eilte zum Lindenbaum auf dem Dorfe, so schnell, dass er ganz versäumte der Krämerin Dank für das Nachtlager auszusprechen. Am Boden lagen nun schon viele verfärbte Lindenblätter, die Erde war noch feucht von seinen Tränen, aber das Bündel lag nicht mehr da. Nur mehr das golden wollene Tuch seiner Mutter und das Stück Zwirnfaden. Das Kleidchen war weg. Er stopfte das Tuch und den Zwirn in den Krug und wollte nur mehr nach Hause. Nach Hause zu seinem kleinen Häuschen aus Steinen, Holz und Schilf. Er steuerte geradewegs zu auf die Felder, da blendete ihn die Herbstsonne. Sie stand schon sehr niedrig. Es war ihm, als hörte er ein Singen. Die Melodie war ihm vertraut. Da tanzte doch ein Mädchen mit braunem langem Haar über die Felder. Und sie trug das Kleid. Es passte wie angegossen. Die Seidenbänder flatterten im warmen Herbstwind und er nahm sie an der Hand und es war als würden die Rosen am Kleidchen ihren Duft verströmen. Und sie gingen über die Felder. Lange Tage und dunkle Nächte. Bis sie an dem Häuschen seiner Eltern ankamen. Und dort kehrten sie ein. Das golden wollene Tuch und den Zwirn legte er auf die Bank, wo seine Mutter immer saß und nähte. Den Krug füllte er mit frischem Quellwasser und es kehrte schon bald der Winter ins Land. Die Vorräte gingen zu Ende. Und so schmiegten sich die jungen Leute eng aneinander und liebten und träumten sich in die Weihenächte hinein. Sie träumten so tief, dass sie wohl gar nicht bemerkten, dass sich ein kleiner Keim zur Wintersonne regte. Auch die Schneedecke war so dicht, dass sie wie ein weißes, unbeschriebenes Blatt das Land zudeckte. Darunter wurden neuen Geschichten geschrieben, am Waldrand sowie wie im weit entlegenen Dorfe. Sie träumten so tief und weit in ihrem warmen Nest. Manchmal war es, es war so um Allerseelen, ich kann mich noch gut erinnern, da war es, als wäre die Mutter durch das Haus gezogen und es war, als hörte man den Vater draußen Holz hacken. Ob nicht sogar die alte Winna auch mal an die Tür klopfte. Aber da sich nichts rührte im Hause, schmunzelte sie und zog weiter ihre Kreise. Es war zu Lichtmess, da tropfte es vom Dach, und die Sonne schien durchs Fenster. Die Eisblumen an den Fenstern begannen zu schmelzen und als der junge Mann geweckt wurde, weil ihn die Sonne an der Nase kitzelte, da sah er wieder dieses reine, feine Gesicht eines Mädchens. Oder waren es doch nur die Eisblumen am Fenster?  Er weckte seine junge Braut und brachte ihr im irdenen Krug reinsten Birkensaft. Oh wie sehr genoss sie den stärkenden Saft. Sogleich setzte sie sich auf die Bank. Auf die Bank wo seine Mutter immer saß und wollte nähen. Sie suchte nach Stoff und Zwirn, doch es lag da nur das golden wollene Tuch seiner Mutter und das Stück Zwirnfaden bereit. Er nickte und sie begann ihre Arbeit.  Sie nähte. Ein Kleidchen aus dem goldenen Wolltuch. Tag für Tag nähte sie sich in den Frühling hinein. Und er? Sie sahen sich kaum. Er hackte vor dem Haus. Sie nähte und sang: „Goldnes Fädchen - näh ein Kleidchen  - für das Mädchen.“ Und er hackte und hämmerte mit der Axt seines Vaters. Ich konnte es nicht genau erkennen. Aber es sah aus wie eine Kiste. Eine kleine Kiste aus Birkenholz zimmerte der Holzknecht, denn der wilde Wintersturm hatte die alte Birke vorm Haus entwurzelt. Aus dem hellen guten Holz schnitt und hackte und sägte er. Jeden Tag hörte man ihn dabei pfeifen. Das Lied es Vaters: Tüh, Tüh, tü, tüt tüüüüü …. Immer im Takt der Hacke oder im Schwung der Säge. Und wenn man genau hinhörte, dann vermischten sich das Singen der jungen Braut und das Pfeifen des jungen Mannes. Und das feine Lied legte sich übers Land. Es kroch bis in den Tannenwald hinein, durchs Hochmoor vorbei an den Quellen und über die Felder und sogar im Dorfe konnte man die Melodie vernehmen. Fast keiner hörte sie, außer der Krämerin. Sie wurde traurig, weil ihre Tochter nun schon so lange verschwunden war. Und als sie das Lied hörte, da erinnerte sie dies an ihre Tochter. Sie war damals, kurz nach dem letzten Erntedankfest wie vom Erdboden verschluckt. Niemand hatte sie je mehr gesehen. Auch die Mutter, die alte Krämerin, hatte sie wohl schon fast vergessen. Verblichen war die Erinnerung. Wie es eben ist bei den lieben Menschen: „Aus den Augen, aus dem Sinn!“ Mit diesem Lied, das durch die Gassen wehte, zog auch die alte Winna wieder mal im Dorfe vorbei. Sie war so alt geworden, und verblich Tag für Tag mehr. Aber sie lachte noch immer in ihre vielen Falten. Der Frühlingsduft wehte über die Wiesen, das Korn keimte und es wurde zum Frühlingstanze geläutet. Das Leben im Dorfe begann sich wieder zu regen. In allen Ecken vernahm man das wiederkehrende Leben nach dem langen harten Winter.

Das Läuten der Dorfglocke tönte bis zum Waldesrand und genau in diesem Augenblick machte die junge Braut den letzten Stich. Der Zwirn war aufgebraucht, das Kleidchen fertig. Und genau in diesem Augenblick legte der junge Mann die Hacke nieder, den Hammer und das Werkzeug. Er füllte den irdenen Krug mit frischem Quellwasser, es war Osterwasser, und brachte es seiner jungen Braut. Oh wie freuten sie sich. Sie schlossen sich in die Arme und sie machten sich auf zum Frühlingstanz. Der Weg war lang. Ich kann mich noch gut erinnern. Durch den Tannenwald, übers Hochmoor, vorbei an Seen und Flüssen und im Morgenrot kamen sie zu den Feldern. Sie tanzten über die acht Felder. Über die weiten, weiten Felder. Welch ein Hochzeitstanz. Und unter der Linde warteten bereits die Dorfbewohner und gemeinsam feierten sie Hochzeit. Es war inzwischen Mai geworden, weil der Weg so lang und für die Frau schon etwas beschwerlich war. Denn wer genau hinsah, erkannte das kleine Bäuchlein unter ihrem Herzen. Da trug sie ein Kindelein. Die Knospe war allerdings noch so klein, dass nur die alte Winna, die weise alte Winna, dies erahnte. Alle erinnerten sich an die jungen Eheleute. Die Krämerin erkannte ihre Tochter wieder und sie freute sich, dass sie mit dem Sohn des Holzknechtes und der Näherin sich in ein neues Leben hineinwebte. Ja natürlich hatten alle Dorfbewohner die jungen Leute schon fast vergessen, und auch die jungen Leute erinnerten sich auch erst jetzt wieder an das wunderbare Dorfleben. Immer wieder dieses Vergessen und Erinnern. Welch ein schönes Spiel es doch war, dachte sich der junge Mann in seinen wohlgepflegten Bart hinein, beim Hochzeitstanze. Die jungen Eheleute hielten ihr Nachtlager bei der Krämerin. Wie sollte es anders sein! Am frühen Morgen packte die Krämerin den Rucksack für die jungen Leute. Ich erinnere mich so gut daran.  Auch diesmal war der Rucksack so reich befüllt, dass der junge Holzknecht ihn kaum tragen konnte. Der Vorrat reichte bis weit in den Winter hinein. Aber noch vorher, im Juni, als im ganzen Land die Rosen blühten, da erblickte ein kleines Mädchen das Licht der Welt in dem kleinen Holzhäuschen am Waldesrand. Die Mutter zog ihm ein güldenes Kleidchen an, das sie doch selber nähte und legte es in eine Wiege aus Birkenholz. Da war sie wieder diese kleine einfache Familie. Diese urtypische Familie. Und im Dorfe, in der alten Krämerei, da wunderten sich die Leute über die Krämerin. Sie hatte sich verändert. War älter geworden. Sie sang Tag aus, Tag ein vor sich hin, denn sie hörte von weitem ein Lied und summte es nach: „Kleines Mädchen, hat ein Kleidchen aus goldnem Fädchen!“ Ja, sie hörte über die Felder das Lied der jungen Mutter, wenn sie es an der Wiege ihres Kindes sang. Die Krämerin wusste nicht recht wie ihr geschah. Denn wie es so war in diesem Dorfe. Die jungen Eheleute waren nach der Hochzeit wieder heimgegangen und jeder vergaß sie wieder. Auch die Krämerin. Keiner erinnerte sich an sie. Aus den Augen, aus dem Sinn. Nur die alte Winna erahnte, was vor sich ging. Sie lugte aus dem hintersten Regal im alten Krämerladen hervor. Hinter dem Regal mit den schwarzen, roten und weißen Bohnen sah man sie herumkramen, die alte Winna. Sie murmelte in ihre Falten. Und eigentlich waren nun ihre Gesichtsfalten, ihre Falten am kurzen dicken Hals und ihre Falte am Bauch schon eins geworden. Sie war eine einzige Falte, eine Woge des Lebens. Ja, sie murmelte einer neugierigen Nachbarin zu: „Sie singt das Großmutterlied, die alte Krämerin! Tüh, Tüh, tü, tüt tüüüüü …!“ und pfiff vor sich hin und verschwand, ohne dass es jemand im Dorf bemerkte. Auf Nimmerwiedersehn' verschwand sie, die alte Winna.

Es war ein früher Wintermorgen. Ich erwachte. Jeder Traum endet mit dem Erwachen. Die Sterne standen noch am Himmel. Doch die Wellen des Erinnerns und Vergessens trugen mich in den Tag hinein. Ich hörte wie es surrte, das Rad des Lebens und spürte wie sie mahlte, die Mühle des Lebens. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann gehen sie noch heute über die Felder. Über die acht Felder. Über weite, weite Felder. Go over the fields. Mögest Du Dich verweben mit dem Leben.


Monika Rosenstatter 1.1.2021/7