Der Wald im Lauf der Jahreszeiten....


Den Jahreskreis in Gesellschaft des Waldes zu erleben, ist eine besondere Bereicherung in der Naturbeobachtung. Zu jeder Jahreszeit, Tageszeit streife ich im Wald umher und achte auf die phänologischen Zeichen. Hier vergesse ich alles um mich. Bin eins mit den Bäumen. Setze mich ins weiche Moos. Ich falle mit den Blättern zu Boden, glänze mit den Nadeln um die Wette. Und wenn mich das Hamsterrad des Alltags verschluckt, holt der Baumjahreskreis mich wieder zurück auf den Boden Tatsachen. 

Gehe deinen eigenen Weg,
aber lass auch jeden anderen
 seinen eigenen Weg durchwandern.

Schneiderfranken


Die Seele des Waldes ergreift den Menschen oft erst nach Jahren. Oft erst, wenn die Seele des Menschen selbst ruft, sucht und sich sehnt. Sich sehnt sich nach ihrem Weg. sie will sich erinnern.  Seit jeher sind es die Bäume die dem Menschen die Verbindung der Welten ermöglichten. Der Mensch bettet sich im Lauf des Jahreskreises im Wald ein.  

Der Gebetsbaum, der Weltenbaum, das Moos, die Heide, oder ein Raschfeld mitten im Wald auf dem von mir so geliebten Haunsberg. Der Wald meiner Kindheit.  Lass die Seele "Baumeln". Alte Weisheiten tragen oft versteckte Botschaften für den Menschen von Generation zu Generation weiter. 

Ich lade dich nun ein, mit mir durch die Wälder zu streifen. Im Frühling, im Sommer, im Herbst und im Winter. 



Frühlingswald 

Im zarten, grünen Buchenkleid zieht der Frühling in die Wälder. Gibt uns wieder Nahrung und Leichtigkeit. Bald können wir das Rauschen und Singen der Blätter wieder hören. Jeden Tag werden die Knospen größer, praller und entfalten sich in den schönsten Farben. Aronstab und Buschwindröschen, Waldbingelkraut und Einbeere bringen die wunderbarsten Blüten hervor. Doch wer wie ich im Morgengrauen im Frühlingswald herumschleicht der sollte nicht schreckhaft sein. Die Rufe der Rehböcke ließen mich zu Stein erstarren. Echt gruselig. Was meine Schockstarre wieder auflockert, sind die Rufe der Möwen, dich sich wieder sammeln um weiterzuziehen. Unzählig viele.


Im April öffnet sich der  Wald. April stammt vom Wort APERO ab, was so viel wie ERÖFFNEN bedeutet.  Zuerst wandle ich durch ein Meer von Buschwindröschen, die sich durch das Buchenlaub schieben. Auf den Bäumen füllen sich nun die Knospen prall mit Frühlingswasser um schon bald aufzuplatzen und alles in ein hellgrünes Kleid zu tauchen. die Bäume beginnen zu grünen. Zuerst die Haselnüssse, dann Buchen, Eichen und die zarten Birken. Lärchen lassen ihre weichen Nadeln das Licht der Welt erblicken, Birken, Pappeln und ziemlich als Letzte, ganz gemütlich, treibt die Esche mal ihre glänzenden, wohlschmeckenden Blättchen. Die Buschwindröschen verblühen, ziehen mit dem Wind davon und nun, ende April zu Walpurgisnacht schlängle ich mich durch Waldmeisterteppiche. Zu Walpurgis -Beltane - ein Fest zwischen Himmel und Erde webt der Waldmeister seinen Teppich aus abertausenden weißen Sternenblüten. Dazwischen die wunderbar eleganten Wedel des Salomonsiegels. Einbeere, Aronstab, Lerchenspron - ein Fest scheint gefeiert zu werden. Das Maifest steht vor der Tür. Das Fest Ostara reicht im Knospenkleid der Weißdornkranztragenden Maibraut die Hand. Vom Sonnenfest zum Mondfest tanze ich den Waldrand entlang und sammle kleine grüne Blättlein für den Waldtee der Waldfrau.

Und bald wandle ich unter Ahorn-, Eschen und Eichenblüten. Diese Baumblüten haben mich nun verzaubert. Unter den Ahornbäumen tanzen die Elfen und die Eichenblüten nähren mich. Auch finden sich viele Eichengallen an den ehrwürdigen Eichen. wurde doch aus ihnen früher Tinte bereitet. Mit etwas Eisensulfat dazu und dem richtigen Rezept lässt sich wahrlich Tinte daraus bereiten. so wird berichtet. Die Blüte der Rotbuche trägt ein kleines Röckchen mit Pompons und die Traubenkirsche prangt als Flieder des Waldes. Die Traubenkirsche trägt auch den Namen "Falscher Flieder" oder  "Illexen". Der Duft ist betörend, so betörend, dass manche davon Kopfweh bekommen.

Heute pflückt die Waldfrau der Gartenprinzessin einen duften Waldmeisterstrauß.


 

Sommerwald 

An heißen Sommertagen ist es wohl im Wasser oder im Wald am gemütlichsten. So manche Waldwesen tummeln sich im ruhigen Sommerwald. Alle sind auf Urlaub, die Bauern machen das Heu, Waldarbeit ist an klirrend heißen Sommertagen auch nicht angesagt. Aber die Waldfrau geht am Nachmittag und pflückt Himbeeren und Erdbeeren, Brombeeren und Blaubeeren. Zeigt ihren Kindern die süßen Naschereien und das Kühlen der Füße im Bach. Insekten schwirren durch die Lüfte. Frei und unbekümmert durch einen Sommerwald zu wirbeln ist wohl die schönste Ferienbeschäftigung für unsere Sommerkinder. Und tagelang streift die Waldfrau durch die harzigen Sommerdüfte. Vergisst Zeit und Raum, Weg und Wald verschmelzen. Taschen voller Kräuter und angezogen von den zauberhaften Wesen stößt sie auf seltene Kräuter der Krautschicht im Unterwald.  Von unsichtbarer Hand geführt folgt sie den Düften und dem Singen der Blätter. Der Sommerwald bietet ein Nachtlager auf Moos und  lädt ein zum Sternschuppenschaun im August. Wenn auf den Wiesen das Korn geschnitten wird und die Tage so klirrend heiß sind, dass die Luft steht, so  sitzt sie dann im Laub am kühlen Boden. Den Salomonssiegel, die Sprengwurz, berührt sie zart mit ihren Händen. Aus Rasch und Brennnesselfase, aus Rinden und Bast werden Schnüre gedreht und Geschichten erzählt. 

Das "Garnen" aus Naturmaterialien ist eine meiner liebsten Tätigkeiten im Sommerwald. Die monotone Arbeit beruhigt, lässt in Trance fallen und entführt in andere Welten. Das Garn aus Widertonmoos ist ein ganz besonderes Garn. Es schützt die Frauen und Kinder. Das Garn aus Rasch duftet nach Heu und Brennnesselgarn wird zu magischen Zwecken verwendet. 


Neben der Birke und der Linde hab ich vor allem die Haselschnur in mein Herz geschlossen. Auf die Hasel als Bastlieferant hatte ich anfangs nicht gedacht. Aber beim Spaziergang mit Klara, sie hat grad geschlafen, rief die Hasel: Komm, mach Schnürchen aus mir! Und so durfte ich einen Zweig abzweigen und schälte ihn. Ich holte den saftig grünen Bast heraus und schon zwirnte ich vor mich hin. Manchmal gelang es mir lange Bastfäden zu bergen, manchmal gab ein Ast nur kurze Baststückerl her. Da musste ich also flexibel sein. Das ist ja das Schöne am Garnen, dass man so flexibel sein muss, ständig sich anpassen und drehen und wenden erforderlich ist. Geht so nicht, dann geht’s anders. Das gefällt mir, ist ganz nach meinem Geschmack. Das hält den Geist jung. Die Hasel ist ein uralter Mutterbaum. Das wissen wir aus dem Märchen Aschenbrödel. Und er verbindet mit den drei Nornen, erleichtert den Zugang zu ihrer Welt. Trage ein Band aus Hasel und der Zugang zur Totenwelt, zu Deinen Ahnen ist auch offener. Schon in vorchristlichen Zeiten stand die Haselnuss in Beziehung zum Totenkult. In germanischen Gräbern fand man Haselnüsse und Stöcke als Grabbeigabe. Die Hasel verkörperte den Keim einer neuen Pflanze und der Verjüngung und der Unsterblichkeit der Seele. Wer in der Walpurgisnacht ein Stück Haselgerte abschneidet und bei sich trägt, zieht sich weder Dorn noch Splitter ein. Also ich schätze ebenso wirkt auch ein Armband aus Hasel. Auch das Träumen soll prophetisch werden, wenn es von der Hasel unterstützt wird. Die Hasel führt zu verborgenen Quellen und Schätzen, zu Marksteinen, Erz- und Goldadern und zu entwichenen Dieben. Wer jetzt noch das Moos einer haselstaude findet, der zaubert mit den alten Kräften des Mittelalters. In Rom gab man als Symbol für Fruchtbarkeit einem  Aber nicht nur das, sein Wesen, sein Pflanzengeist schützt Kinderseelen. Kinder, welche nur schwer von der Mutter loslassen können, hilft es, wenn Mutter ein Band aus Hasel dreht. Es wird am Handgelenk getragen oder als Amulett genäht und am Halsband getragen. Auch Knöpfe können daraus gefertigt werden. Eine Spezialtechnik lässt mit Nadel und Garn einen Knopf entstehen. 

Ernte und Verzwirnung von Haselbast:

Der Haselbast geht fast nur frisch gesammelt zum Zwirnen. Sobald er angetrocknet ist, bricht er und lässt sich nicht mehr drehen. Alles was über 30 Minuten angetrocknet ist, erweist sich als unbrauchbar. Also frisch vom Ast verarbeiten. Während eines Spazierganges einen Haselast sammeln, auf ein Bankerl setzen, Bast abnehmen und Haselgarn drehen. Was gibt’s Schöneres? Gesammelt kann Haselbast vor allem vom zeitigen Frühling bis in den Spätherbst hinein werden. Da ist der Bast am saftigsten und am ehesten zu verarbeiten. Bitte verwende die abgeschälten Äste für Feueranzünder oder schneide sie zu Räuchergut. Verwirf sie nicht unachtsam!




Herbstwald

Ein ausgelassenes Schlendern durch den herbstlichen Wald vitalisiert und macht den Atem frei. Die ersten Blätter die zu Boden fallen , sind die der Esche. Blitzschnell werden sie grau, zerfallen und in einigen Wochen ist nichts mehr von den scharfen Blättern zu sehen, die ich doch täglich genossen habe. Bald schon stehen wieder die Zweige mit den schwarzen samtigen Knospen in die kühle Landschaft hinein. Flattern wie die Blätter im Herbst. Man wird wieder leicht, lässt das Jahr hinter sich und schaut auf den Boden. Boden? Ja! Bucheckern, Eicheln, Fichtenzapfen; um nur einige zu nennen. Wie gerne setz ich mich auf den moosigen Waldboden, befreie die Bucheckern von ihrer Schale und knabbere die Kerne. Alles zieht sich wieder zurück in die Schale, so wie eine Nuss. Um dann wieder zu keimen oder von mir gegessen zu werden. Die Eicheln sind glatt und oval. Sie in der Hand zu fühlen ist beruhigend. Ich schau mir die Früchte an, die der Wald nun gibt. Der Wald in dem ich soviel meiner Zeit verbringe. Es ist feucht, Herbstnebel und Regentropfen durchbrechen die Stille. Das Moos schwillt an zu großen grünen Polstern, es saugt die Feuchtigkeit und bildet einen Teppich. Ein Moosteppich ist wie einer Miniaturwald. Ein Bäumchen neben dem anderen. Der Wald im Wald. Vor allem das Torfmoos zaubert wahre Märchenlandschaften. Stundelang könnte ich mich in den Mooslandschaften verirren, innehalten, Faulbäume betrachten und Stöcke sammeln. Für mich ist jedes Stück Holz das am Boden liegt ein Kunstwerk. Vor allem das vergehende Holunderholz hat eine Struktur, eine Weichheit und Formen, die mich immer wieder zum Staunen bringen. 

 Es ist wahrlich wunderlich, wenn ich im Herbst mich am frühen Morgen erhebe und die Welt sich über Nacht bunt verfärbt hat. 

Manchmal bin ich fast nur in der Natur und manchmal brauche ich aber auch den Rückzug in mein Heim. In meine Höhle. Ein "WildFang" oder den Archetyp der Waldfrau zu leben,  bedeutet für mich, wenn ich einfach drauf los gehe und ohne Plan in die Schönheit, aber auch Wildheit der Natur eintauche. Die Natur ist nicht nur lieb und nett und schön und bunt. Der Sommer ist vorüber, der Herbst zieht mit Nebel, Blätterfall und ganz eigenen Düften ins Land. Der Herbst kann mitunter wundschöne, farbige, sonnige Tage bringen. Aber er erinnert uns auch an das Vergehen. Sehr sogar. Im Winter ist es nicht so intensiv. Da ist ja nichts mehr. Aber der Herbst. Wir sehen zu wie die Bäume ihr Kleid ablegen, wie Früchte am Boden verfaulen, die letzten Rosen sich an nackten Stämmen öffnen die Krähen über die Felder fliegen, der Garten zusehends braun und brauner wird. Es vergeht. Vor unseren Augen. Und nichts, gar nichts kann es halten, aufhalten… dieses Vergehen. Vor lauter Vergehen vergisst mancher den Sommer, das Blühende zu integrieren. Dieses starke Sonnenlicht des Sommers zu bewahren. Mancher verheult das Sommerlicht in wenigen Wochen im Herbst. Weil das Loslassen so schwer fällt. Für den Winter bleibt nichts übrig an Sommerwonne und Licht. Traurigkeit, Wehmut machen sich dann gerne breit. Den Sommer festhalten können auch nicht die weiterhin in den Regalen der Supermärkte angebotenen Südfrüchte und Sommergemüse. Es ist nur ein künstliches Verlängern des Sommers. 

Herbst ist Hingabe. Hingabe an das was ist. Ohne es ändern zu wollen. Das ist womöglich jener Weg, den die Natur uns zeigt um mit dem Außen kooperieren zu können. Wer sich dem Herbst hingibt, wird sich auch letztendlich dem Tod und dem Sterben besser hingeben können. Im Jahreskreis lehrt uns Mutter Natur jedes Jahr aufs Neue dieses Gehen mit dem Rad des Schicksals. Die Natur ergreift im Herbst die einzig mögliche Initiative für notwendige Veränderungen um das Rad gesund erhalten zu können. Deshalb heißt es nun auf der einen Seite, die Erde zu ehren, ihr zu danken für die Fülle (Jungfrau), die Waage zu halten zwischen Säen und Ernten, ansonsten entsteht ein Ungleichgewicht, welches die Natur ausgleicht… wenn dies nicht zugelassen wird, geschieht der Ausgleich oft sehr schmerzlich. Der Wald macht es uns vor wie dies geht. Cradle to Cradle. Von der Wiege zur Bahre. 

Was wäre ein Herbst ohne Früchte? Was wäre der Herbst ohne Früchte? Der Wald ist voller Haseln. Und hier ist wohl diese mütterliche Kraft zu erkennen. Die nährende Kraft der Göttin, der Mutter Natur. 





 

 Winterwald  

 Die Knospen haben mich in ihren Bann gezogen.

In der 12. Jännernacht 2015 entstand dieses Gedicht.

Jännerknospe

Wartend auf der Sonne Wärme,

Sitzt am Ast die Knospe.

Kaum zu sehen aus der Ferne,

Doch ihre Strahlkraft trotzt dem Froste.

Geduldig brütet sie still vor sich hin,

Weiß um ihre Kraft im Kerne drin.

Ganz fest ist sie gewachsen,

Und in sich gedrungen,

Die eine trägt den Ast, das Blatt in sich,

Fast wär sie in der Wintersonne aufgesprungen.

Die andere weiß um eine Blüt‘ in ihrer Mitte,

Leis‘ bittend um die Früchte.

Wie ein Mutterschoß birgt sie des Baumes‘ Kraft,

Die Güte und den Lebenssaft.

Monika Rosenstatter


 

2014 - Frühlingshafter Winterwald.

Im Flachgau haben wir nun keinen Schnee Anfang Jänner. Kein Winterwald. Aber trotzdem sehr reizvoll. Im der Jahreszeit Winter entdecke ich immer wieder ganz neuen Facetten des Waldes. Ich liebe die hohen Buchenhaine. Wie ein Dom bilden sie Kuppeln, ein Dach, ragen in den Himmel. Im unbelaubten Zustand erkennt man ihre Grazie. Wenn die Dämmerung hereinbricht verschmilzt das Silbrige Grau der Buchenstämme mit dem winterlich klaren Himmelsblau. Für mich ist das Einatmen, und ich spüre zwischen diesen Baumriesen die Verbindung zum großen Ganzen. Ich vergesse mich selbst. Berühre die Stämme, rieche das vermodernde Laub, begegne Baumfrauen und Steinhexengesichtern - die im Sommer im Farn versteckt waren. Die Zeit? Ich weiß nicht wie viele Stunden ich in den letzten Tagen im Wald verbracht habe - ich habe keine Uhr.

Buchendom - das waren die heiligen Haine unserer AhnInnen. Hier feierten sie Rituale. Die Buchenhaine boten Schutz. Und auch heute erlebe ich dies immer wieder, da in Ritualen der Wald uns Schutz und Raum bietet.

Ich werde zu einer von Ihnen - ich bin völlig unwichtig

Ein prächtiges Buchenweib 

Diese Buchen stehen mit beiden Beinen auf der Erde - wie Elefantenfüße - ich kann nicht beschreiben welch ein Gefühl es ist zwischen so mächtigen Bäumen zu wandeln

Buchenmütter betten ihre Kinder auch manchmal in Steinbetten - das ist derselbe Stein in dem auch die Mistelkinder schlafen. 

 

Bäume können zeichnen. Diese Buche hat sich ein Tattoo zugelegt. Vor allem im Winter kann man die Baumzeichnungen wieder deutlicher erkennen. Nichts lenkt ab. Pure Klarheit steht im Winterwald seine Schönheit zur Schau. 

Das ist sie: Die Steinhexe - Seht ihr das Gesicht? Die Schlitzaugen, die Nase? Sie sagte: Wenn du da jetzt raufgehst Monika, dann siehst Du viele schöne Bäume.... Und so war es.... 




2011 - Tiefverschneite Landschaft

Weihnachtsrummel, zwischendurch muss ich raus, schnell mal ein paar Minuten die Füße vertreten. Es ist später Nachmittag und ich merke erst, wie herrlich dieser Dezembertag ist. Kurz vor der Wintersonnenwende. Natürlich verlasse ich dann doch die Straße und biege in die nächste Traktorspur, für mich im Schnee geradezu einladend, querfeldein. Bin wieder mal vom Weg abgekommen. Den Hügel hinauf stapf ich durch das pulvrige Weiß und steuere auf die von weitem lachenden Lärchen mit ihren tausenden , kleinen Zapfen zu. Denen muss ich einen Besuch vor Weihnachten abstatten. Räuchere ich doch schon fleißig ihre Nadeln. Kurz mal Danke sagen. Die Spur ist zu Ende, Zeit hab ich auch nicht viel,  aber jetzt kehr ich nicht mehr um. Also ab in den Tiefschnee. Ganz schön anstrengend, und so gar nicht passend gekleidet, sollte ja nur für ein paar Minuten sein.  Und schon bin ich eingetaucht in die kalte,  reine Winterluft, die ruhende Erde, die Stille eines ganz normalen Nachmittags am Haunsberg. Hab den Alltag vergessen. Die Lärche wedelt mir schon entgegen und auch den Tannen am Waldrand sieht man ihre Zufriedenheit an. Ha, der Hollerstrauch  blinzelt ganz frech herüber. OK, dann husch ich rein in den Winterwald und lass die Weite hinter mir. Ein Wandeln zwischen den Bäumen, hier und da ganz unhörbar ein Schneewölckchen zwischen den Fichten tanzend. Eifrig kratze ich mit zitternden Händen das Faulpech von den Borken, halt es fest in meinen Fäusten. Koste von den Holunderknospen. Gefroren lösen sie ein wahres Geschmackserlebnis aus, es schlummert der Hollergeist, und das ganz intensiv - das dachte ich mir nicht. Wie ein kleines Reh fühl ich mich, taste mich von einem bezaubernden Ort zum nächsten. Und die Kälte ist wohlig, nicht unerträglich . Das tiefe Eintauchen im Schnee lässt mich verschmelzen mit der Natur. Zwischen dem verdorrten Springkraut, dessen unvergleichlich, süßen Duft ich noch vom letzten August in der Nase habe, verlasse ich den Wald. Ich dreh mich um,  Licht, groß und rund die Wintersonne flackert noch einmal auf, bevor sie hinterm Bergrücken sinkt. Diesen Augenblick kann man nicht beschreiben, nicht in Worte fassen, ich glaube auch nicht malen,  singen oder ein zweites Mal erleben. 

Und das ist gut so.