Frau Holle - Goldmarie und Pechmarie

Das Märchen von "Frau Holle" zählt wohl zu den bekanntesten Märchen der Weltliteratur und hat schon viele Kinder und Erwachsene begeistert

Zum 200. Geburtstag der Gebrüder Grimm ist es nun an der Zeit dieses Märchen wieder mal zur Hand zu nehmen und es genau zu lesen. Dieses Märchen ist aber schon viel älter und die Gestalt der Frau Holle ebenso. Immer begleitete sie Menschen auf ihren Wegen in der Natur und durch das Jahr. Sie sitzt bekanntlich gerne in Hollerbüschen. Oder ist der Hollerbusch der Eingang zu ihrer Welt. Der Brunnen - in den man fallen darf - um in die märchenhafte Anderswelt zu gelangen. Dort wo viel Holunder in der Natur wächst, sind oft unterirdische Quellen und Flüsse. Es ist feucht und von abgestorbenen Holunderästen hängen Flechten und Moose. Judasohren siedeln sich an - deutlich zeigt uns der Verfall oft von der Schwellenbaum.  Die "Hollerin" ist eine treue Begleiterin auch auf meinen Wegen. Vor vielen Jahren flüsterte sie mir auf dem Hausnberg ein Lied zu - als ich ihre duftenden Blüten im Juni sammelte. Einige von Euch werden es schon kennen, denn bei den Kräuterwadnerungen ruf ich immer die Frau Holle an. Bitte sie um Schutz und gute Kräuterernte. Es ist in meine Mutterdialekt - den ich sehr liebe und dafür stetig sorge ihn nicht aussterben zu lassen, auch wenn mich manche Menschen oft nicht verstehen, wenn ich so richtig loslege.

"Holler,Holler

gib ma dein Bliah

Holler, Holler

kimm her zu mir.

 

Holler, Holler

gib ma dein Bliah

wann i an deim Asterl Ziag

schenk i dir dös Liad."

monika

 

Bitte lest Euren Kindern wieder das Märchen vor und lasst in euren Hollerbüschen ein wenig Frau Holle Zauber weilen. Hängt Lichtlein in den Holler - damit der Eingang immer schön beleuchtet ist. Aber schlaft nicht unter dem Holler, denn man erzählt sich, so mancher ist dann nicht merh aufgewacht - sondern im Traumland geblieben.

1812 wurde dieses Märchen in den "Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm" veröffentlicht und nicht mehr nur mündlich überliefert. Am schönsten finde ich aber, wenn sich auch heute wieder die Menschen Geschichten erzählen - den Geschichten erzählen ist ein altes Heilmittel. Und wer genau hinhört - weiß warum.


Goldmarie und Pechmarie

Eine Witwe hatte zwei Töchter, davon war die eine schön und fleißig, die andere hässlich und faul. Sie hatte aber die hässliche und faule, weil sie ihre rechte Tochter war, viel lieber, und die andere musste alle Arbeit tun und das Aschenputtel im Hause sein. Das arme Mädchen musste sich täglich auf die große Straße bei einem Brunnen setzen und musste so viel spinnen, dass ihm das Blut aus den Fingern sprang. Nun trug es sich zu, dass die Spule einmal ganz blutig war, da bückte es sich damit in den Brunnen und wollte sie abwaschen: Sie sprang ihm aber aus der Hand und fiel hinab. Es weinte, lief zur Stiefmutter und erzählte ihr das Unglück. Die schalt es so heftig und war so unbarmherzig, dass sie sprach: „Hast du die Spule hinunterfallen lassen, so hol sie auch wieder herauf.“

Da ging das Mädchen zu dem Brunnen zurück und wusste nicht, was es anfangen sollte. Und in seiner Herzensangst sprang es in den Brunnen hinein, um die Spule zu holen. Es verlor die Besinnung, und als es erwachte und wieder zu sich kam, war es auf einer schönen Wiese, wo die Sonne schien und viele tausend Blumen standen.

Auf dieser Wiese ging es fort und kam zu einem Backofen, der war voller Brot; das Brot aber rief: „Ach, zieh mich raus, zieh mich raus, sonst verbrenn ich. Ich bin schon längst ausgebacken.“ Da trat es herzu und holte mit dem Brotschieber alles nacheinander heraus.

                 

Danach ging es weiter und kam zu einem Baum, der hing voll Äpfel und rief ihm zu: „Ach schüttel mich, schüttel mich, wir Äpfel sind alle miteinander reif.“ Da schüttelte es den Baum, dass die Äpfel fielen, als regneten sie, und schüttelte, bis keiner mehr oben war; und als es alle in einen Haufen zusammengelegt hatte, ging es wieder weiter.

Endlich kam es zu einem kleinen Haus, daraus guckte eine alte Frau. Weil sie aber so große Zähne hatte, ward ihm Angst, und es wollte fortlaufen. Die alte Frau aber rief ihm nach: „Was fürchtest du dich, liebes Kind? Bleib bei mir, wenn du alle Arbeit im Hause ordentlich tun willst, so soll dir’s gut gehen. Du musst nur Acht geben, dass du mein Bett gut machst und fleißig aufschüttelst, dass die Federn fliegen, dann schneit es in der Welt; ich bin die Frau Holle.

Weil die Alte ihm so gut zusprach, so fasste sich das Mädchen ein Herz, willigte ein und begab sich in ihren Dienst. Es besorgte auch alles nach ihrer Zufriedenheit und schüttelte ihr das Bett immer gewaltig auf, dass die Federn wie Schneeflocken umherflogen; dafür hatte es auch ein gutes Leben bei ihr, kein böses Wort und alle Tage Gesottenes und Gebratenes. Nun war es eine Zeitlang bei der Frau Holle, da ward es traurig und wusste anfangs selbst nicht, was ihm fehlte, endlich merkte es, dass es Heimweh war; ob es ihm hier gleich vieltausendmal besser ging als zu Haus, so hatte es doch ein Verlangen dahin. Endlich sagte es zu ihr: „Ich habe den Jammer nach Haus gekriegt, und wenn es mir auch noch so gut hier unten geht, so kann ich doch nicht länger bleiben, ich muss wieder hinauf zu den Meinigen.“

Die Frau Holle sagte: „Es gefällt mir, dass du wieder nach Hause verlangst, und weil du mir so treu gedient hast, will ich dich selbst wieder hinaufbringen.“ Sie nahm es darauf bei der Hand und führte es vor ein großes Tor. Das Tor ward aufgetan, und wie das Mädchen gerade darunter stand, fiel ein gewaltiger Goldregen, und alles Gold blieb an ihm hängen, so dass es über und über davon bedeckt war. „Das sollst du haben, weil du so fleißig gewesen bist“, sprach die Frau Holle und gab ihm auch die Spule wieder, die ihm in den Brunnen gefallen war. Darauf ward das Tor verschlossen, und das Mädchen befand sich oben auf der Welt, nicht weit von seiner Mutter Haus. Und als es in den Hof kam, saß der Hahn auf dem Brunnen und rief: „Kikeriki, unsere goldene Jungfrau ist wieder hie“.
Da ging es hinein zu seiner Mutter, und weil es mit Gold bedeckt ankam, ward es von ihr und von der Schwester gut aufgenommen.

Das Mädchen erzählte alles, was ihm begegnet war, und als die Mutter hörte, wie es zu dem großen Reichtum gekommen war, wollte sie der anderen hässlichen und faulen Tochter gerne dasselbe Glück verschaffen. Sie musste sich an den Brunnen setzen und spinnen; und damit ihre Spule blutig wurde, stach sie sich in den Finger und stieß die Hand in die Dornhecke. Dann warf sie die Spule in den Brunnen und sprang selber hinein. Sie kam wie die andere auf die schöne Wiese und ging auf demselben Pfade weiter.

Als sie zu dem Backofen gelangte, schrie das Brot wieder: „Ach, zieh mich raus, zieh mich raus, sonst verbrenn ich, ich bin schon längst ausgebacken.“ Die Faule aber antwortete: „Da hätt ich Lust, mich schmutzig zu machen“, und ging fort. Bald kam sie zu dem Apfelbaum, der rief: „Ach, schüttel mich, schüttel mich, wir Äpfel sind alle miteinander reif.“ Sie aber antwortete: „Du kommst mir recht, es könnte mir einer auf den Kopf fallen“, und ging weiter.

Als sie vor das Haus der Frau Holle kam, fürchtete sie sich nicht, weil sie von ihren großen Zähnen schon gehört hatte, und verdingte sich gleich zu ihr.

Am ersten Tag tat sie sich Gewalt an, war fleißig und folgte der Frau Holle, wenn sie ihr etwas sagte, denn sie dachte an das viele Gold, das sie ihr schenken würde; am zweiten Tag aber fing sie schon an zu faulenzen, am dritten noch mehr, da wollte sie morgens gar nicht aufstehen. Sie machte auch der Frau Holle das Bett nicht, wie sich’s gebührte, und schüttelte es nicht, dass die Federn aufflogen. Das ward die Frau Holle bald müde und sagte ihr den Dienst auf. Die Faule war damit zufrieden und meinte, nun würde der Goldregen kommen; die Frau Holle führte sie auch zu dem Tor, als sie aber darunter stand, ward statt des Goldes ein großer Kessel voll Pech ausgeschüttet.
„Das ist zur Belohnung deiner Dienste“, sagte Frau Holle und schloss das Tor zu.
Da kam die Faule heim, aber sie war ganz mit Pech bedeckt, und der Hahn auf dem Brunnen, als er sie sah, rief: „Kikeriki, unsere schmutzige Jungfrau ist wieder hie.“
Das Pech aber blieb fest an ihr hängen und wollte, solange sie lebte, nicht abgehen.